FLORIAN L. ARNOLD I KUNSTWISSENSCHAFTLER

ÜBER ANSELMA MURSWIEK

Bilder einer immer im Wandel begriffenen Natur zeigen uns Anselma Murswieks Gemälde - ein wildes Wuchern, ein Ausfüllen und beinahe Sprengen des Bildformats, das ein wenig an die Seerosen Monets erinnert, aber diesen Eindruck um die Komponente einer sachten Bedrohlichkeit erweitert. Denn die wild wuchernden Pflanzen, die den Bildraum restlos einnehmen, zeigen auch die Macht und Kraft der Natur, die menschliche Spuren förmlich hinwegsprengen kann - denken wir nur daran, wie schnell Pflanzen sich Ruinen bemächtigen, wie ihre Wurzeln Mauerwerk und anderes aufknacken. Man denkt bei den Seerosen, Lorbeerblätterwäldern oder Rhododendren Murswieks an eine Urkraft, die sich gern auch über mehrere Leinwände hinweg fortsetzen kann (und in den Gedanken der Betrachter dann unendlich weiterwuchert). Es wäre bedauerlich, hier nach botanisch korrekten Darstellungen zu suchen, diese gar zu fordern, denn die Malerin kann uns so viel mehr anbieten - indem sie im Malprozess eine, wie sie sagt, „Expedition ins Unbekannte“ aufnimmt und sich dabei von botanischen Gesetzmäßigkeiten löst. Hier geht es um Kunst, um die Malerei, und entsprechend also um das Beobachten; das Wachsen der Pflanzen unterm Malwerkzeug ist also ein malerisches Nachspüren der Wirklichkeit und zugleich ein Überhöhen und Interpretieren dieser Wirklichkeit, die natürlich für jeden Betrachter eine andere ist. Manch einer sieht in diesen Bildern etwas ganz Konkretes, Greifbares, vielleicht sogar den eigenen heimischen Garten - - ein anderer eher einen Raum des Möglichen, eine bereits in Gang gesetzte Evolution, die neue Formen erfindet. Einen „unendlichen Garten“ - so der Titel einer Werkserie - schafft Murswiek, indem sie Stofflichkeiten mit subtiler Raffinesse wiedergibt, man spürt, ob ein Blatt trocken oder nass, glitschig, frisch, alt, absterbend ist. Die Pflanze als Lebewesen, der Garten als Raum belebter Individuen - da spielt das Mystische schnell hinein, da denken wir vielleicht an die Nymphe Daphne, die auf der Flucht vor einem zudringlichen Liebhaber sich in einen Lorbeerbusch verwandelt. Blicken wir hier also auf verwandelte, verzauberte, in einer unendlich langsamen Bewegung sich befindenden Gegenwelt, die mit menschlichen Begriffen kaum zu Umreißen ist? Ich würde es annehmen und stelle mir vor, langsam in diesen Blätterwäldern zu versinken, deren Haptik und geradezu psychologische Eigenheit Murswiek mit Pinsel und Farbe so hervorragend wiedergibt.

SOPHIE-CHARLOTTE BOMBECK I KUNSTHISTORIKERIN
ÜBER ANSELMA MURSWIEK

Die Urbanisierung schreitet ungebrochen voran. Damit steigt auch unsere Verantwortung für die Bewahrung von Biodiversität. Die enge Nachbarschaft von Menschen und Natur beinhaltet gleichzeitig eine Beeinträchtigung von Natur, aber auch die Chance, den Zugang zur Natur zu eröffnen und die Stadtnatur als Teil der Lebensqualität noch stärker als bisher bewusst zu machen.


Die Künstlerin Anselma Murswiek beschäftigt sich in ihren malerischen Arbeiten mit den Prozessen des Lebendigen, mit Wachstum und Vitalität. Dabei schafft sie erfahrbare Referenzen zur Realität und zur Natur.
Die Ausstellung Principium Vitale (Lebensprinzip) bewirkt einen Dialog zwischen Natur, Mensch, Kultur und Stadt. Die Werke reizen, bewegen etwas, dass uns als Betrachter*in anspricht, den Blick zurückwirft und uns in einen Bann zieht, uns animiert und atmosphärisch ummantelt. Ein komplexes vernetztes System ineinandergreifender Wirkungen. Dabei wird der Ausstellungsraum zwischen Innen- und Außenwelt zum Seerosengarten und legt die Schnittstelle zwischen privater und öffentlicher Sphäre offen. Die Diskurswelten der Stadt, der Kunst-Natur und des Ausstellungsraumes generieren somit ein permanent anwachsendes Gebilde von Relationen, das sich dynamisch verändert und wächst. Die Vegetation, die den Bildraum restlos einnimmt und die Hinwendung zu einem großen Bildformat, bringt damit ein neues Naturerlebnis und eine uferlose Kunst- Natur in den Centercourt.

 © 2020 Anselma Murswiek